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April in Paris

Michael Wallner

Der Arzt sagte, ich hätte Glück gehabt. Wäre der Splitter einen Millimeter weiter rechts eingedrungen, hätte man das Auge nicht retten können. Er legte einen Verband an; von nun an sah ich die Welt flach. Im Morgengrauen brachte man mich ins Hotel.

Kurz nach sieben, ich war traumlos eingeschlafen, kamen Schritte über den Flur. Einmaliges Klopfen, schon standen sie im Zimmer. Männer in Zivil diesmal, ich solle mich anziehen. Bevor ich ganz bei Besinnung war, begannen sie, meine Habe zu durchsuchen. Ich fragte nach dem Grund, protestierte. Anweisung, hieß es, ich solle schweigen. Während ich in die Uniform schlüpfte, kroch die Angst hoch. Hundertmal hatte ich diesen Moment vorausgesehen - seit dem Tag, an dem ich mich zum ersten Mal in Monsieur Antoine verwandelt hatte.

Sie nahmen die französischen Bücher und private Fotografien vom Regal, ein Tagebuch, in das ich gottlob vor Monaten die letzte Eintragung gemacht hatte. Als sie den Kleinkarierten aus dem Schrank holten, die Schuhe, den Hut, biß ich die Zähne zusammen. Dieser Anzug bewies nichts, doch ich fühlte mich durch ihn enttarnt. Einer entdeckte die Stelle, wo ich das Etikett herausgetrennt hatte. Sie sprachen nicht, befragten mich nicht, registrierten nur. Mir wurde Eile befohlen. Mit dem Augenverband war jeder Handgriff ungewohnt. Während ich das Nötigste packte, ging mir ein Wunsch durch den Kopf, der mich erstaunte: Wäre ich schon an der Front, bliebe mir das Schlimmste erspart.

Tritte über mir. Sie waren auch bei Hirschbiegel. Ich verfluchte die Leichtfertigkeit, ihn in mein Doppelleben hineingezogen zu haben. Von oben polterte es bayerisch. Als man mich aus dem Zimmer brachte, kam es im Stock darüber zum Handgemenge. Durch den Treppenschacht sah ich Hirschbiegel, halb angezogen berief er sich auf die Protektion durch seinen Oberst. Zwei in Zivil hielten ihm die Arme auf den Rücken. Der faßdicke Leutnant war zu stark; er sprengte ihren Griff. „Spezl!“ schrie Hirschbiegel in höchster Not. Wie ein Ochse, der die Schlächter erkannte. Bevor ich antworten konnte, wurde ich weitergestoßen.

Mit einen Zivilwagen brachten sie mich an meinen alten Arbeitsplatz, in die Rue des Saussaies. Heute ging es nicht durch die Einfahrt, die ich täglich benützte; sie hielten vor einem uneinsehbaren Tor. Hier standen sonst die Transporte, die Delinquenten abholten und zum Verhör brachten. Ich wurde durch Flure geführt, von deren Existenz ich wußte, die ich aber noch nie betreten hatte. Fahl hing elektrisches Licht auf den Schwellen, schlampig getünchte Wände zogen an mir vorbei. Ich versuchte Namenskarten an den Zellentüren zu finden; es gab keine. Nur schwarze Löcher, hinter denen Menschen saßen.

Die Zellentür schlug hinter mir zu; kein weiteres Wort der Erklärung. Ich blieb an die Mauer gelehnt. Das fahle Gefühl aus der Schulzeit, wenn ich vor einer Aufgabe stand, die ich nicht bestehen würde. Auf der Pritsche zwei zusammengelegte Decken, der Strohsack sah frisch gefüllt aus. Das Waschbecken schmutzig, der Wasserhahn funktionierte. Der Kübel desinfiziert. Das Fenster begann in Kopfhöhe. Man hätte sich am Gitter hochziehen müssen, um die Straße zu sehen.

Ich zog meine Jacke aus, legte sie als Kopfkissen auf den Strohsack. Mich fror. Die Heizung war ein gerilltes Rohr, das von der Decke nach unten im Boden verschwand. Ich deckte mich zu. Wenn ich mein rechtes Auge schloß, sah ich die Glühbirne durch den Verband wie eine verschwommene Sonne. Meine Wunde brannte.

Drei SS-Offiziere waren tot, viele verwundet. Rasch mußten Täter gefunden werden; der Vorfall würde bis nach Berlin dringen. Ich versuchte meine Lage mit den Augen derer sehen, die durch diesen Spion schauen, mich abholen, verhören würden. Was hatte ich getan? Einen kleinkarierten Anzug getragen. Niemand würde meine Motive verstehen. Hochverrat, pochte der Gedanke an. Ich vermochte das Phantom nicht zu verscheuchen.

Komm nie wieder ins Turachevsky. Während ich auf der Pritsche meine Wunde betastete, gefiel mir die Vorstellung beinahe, durch Chantals Schuld in diese Lage geraten zu sein. Ich bewunderte sie. Pallas Athene hatte sich vor den verhaßten Deutschen ausgezogen, um sie hinterher in die Luft zu jagen. Ich richtete mich auf. Hatte ich diesen Ausgang nicht vorausgesehen? War es seit dem Moment, als ich den Kleinkarierten aus dem Schrank holte, nicht beschlossene Sache, daß es hier enden mußte? Nur einen Ausweg hätte es gegeben - die Front. Kurzer Prozeß, hier wie dort.

Ich stand auf, machte ein paar Kniebeugen, um das Blut in Bewegung zu bringen, begann zu gehen. Sechseinhalb Schritte in die eine Richtung, sechseinhalb zurück. Das metallene Bettgestell wanderte an mir vorbei, der Eimer, das Waschbecken. Es war Tag geworden, sie hatten die Deckenbeleuchtung ausgeschaltet. Ob sie mich heute schon holen würden? Drei ermordete SS-Offiziere; sie brauchten Ergebnisse.

Traducido por Ramon Farrés
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