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Electronic City

Falk Richter

- Tom betritt das Gebäude, in dem er seit etwa zwei Wochen wohnt
- kennt niemanden
- endlose Flure
- fünfundzwanzig Wohneinheiten auf jedem Flur
- Die Stadt?
- Los Angeles
- New York
- Berlin
- Seattle, Tokio, New Mexico
- er weiß es selbst nicht so genau
- er läuft unsicher über den Flur
- und schaut auf den Schlüssel in seiner Hand
- schaut auf die Tapete
- die seltsam schlicht gehalten ist
- nichts fällt hier auf, nichts, an dem er sich orientieren könnte, und
- ja, genau, er weiß es selbst nicht mehr, Europa, Nord- oder Südamerika
- es könnte auch ein Wohnkomplex über dieser Einkaufszone in Brisbane, Queensland sein
- in Melbourne oder Sydney
- irgendwo in Hongkong, Taipeh oder Singapur
- er hat keine Ahnung in diesem Moment
- er kennt niemanden und er kann sich an nichts erinnern: War ich hier schon einmal? Ist dies die richtige Etage, der richtige Flur, war das links oder rechts neben dem Fahrstuhl und vor allem: IST DAS HIER ÜBERHAUPT DAS RICHTIGE GEBÄUDE?
- Zu oft den Ort gewechselt, in der letzten Zeit, völlig die Orientierung verloren: Wo ist Joy, wo ist Joy?, bin ich denn wirklich schon seit zwei Wochen hier oder oder ... ich weiß es nicht: Zwei Stunden, wann bin ich denn hier angekommen und vor allem: Wie? Mit welcher Maschine? Oder bin ich hierher gelaufen? Nein, das kann nicht sein, kann nicht, nein, warte, ich ... Stille in meinem Gehirn, ich ich ... nichts erinnert mich an irgendwas hier, nichts, das schlichte Grau, dann dieser Teppich, der Blick aus dem Fenster: Das könnte überall sein.
- „Wenn ich doch bloß mein Handy mitgenommen hätte – meinen Palm, meinen Organizer, mein Notebook – oder wenigstens einen Kompaß.
- Oder einen Discman, dann könnte ich jetzt etwas Musik hören, bis hier irgendwann irgendwer vorbeikommen wird.“
- Er hat ein Notizbuch, wo er sich notiert, auf welchem Flur in welcher Stadt er seine Zimmer angemietet hat
- und er braucht diese Unterlagen, verdammt, Scheiße, mein Flieger, wie soll ich das jetzt noch schaffen? Ich brauch doch diese Scheiß-, dings, unterlagen für den Weiterflug, sonst brauch ich da doch gar nicht erst hin und und – 7 – 1 – 7 – 2 – 4?? 7 – 1 – 7 – 2 – 5?? Diese verdammte Zahlenkombination, wenn ich nur wüßte, in welcher Stadt ich hier bin, dann dann, und wieso dieser plötzliche Powerfailure in meinem Gehirn, alle Zahlen gelöscht, alles weg, JOY? Wo ist JOY? So hieß die doch, meine Frau, Freundin, so hieß die doch? , welches Genre haben wir hier eigentlich? Haben wir das schon entschieden?

Translated by Ramon Farrés
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