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Camí de sirga

Jesús Moncada
Die Versinkende Stadt

II

In dem aufwirbelnden Staub kniff er die Augen zusammen, bemerkte nicht die beiden Gendarmen mit ihren im Wind flatternden Umhängen, die, ihre Dreispitze aus schwarzen Lackleder festhaltend, den Platz überquerten. Ihn quälte der Anflug von Ironie, der im Blick des Wirts gelegen hatte, als dieser das Geld für den Rum einstrich. Estanislau hatte recht gehabt, als er ihm vor einiger Zeit angedeutet hatte, er solle es besser vergessen, einfach begraben und aus: Es gab keine Lösung, und je eher er es sich aus dem Kopf schlug, desto besser. Doch der alte Nelson war nicht davon abzubringen. Grübelnd gelangte er ans Ende der Fuhrmannstiege, und plötzlich stand er vor den Trümmern.

Seit mit dem Abriss der Häuser begonnen worden war, hatte er fast unbewusst seine Bewegungen innerhalb der Stadtgrenze immer weiter eingeschränkt. Er blieb jenen Stellen fern, an denen die Zerstörung am weitesten fortgeschritten war; wich er von seinen gewohnten Wegen einmal ab, verkrampfte sich sein Herz. Unglücklicherweise war der Weg vom Café am Kai zur Sattlerwerkstatt eine der am meisten von jener unerbittlichen Lepra zerfressenen Strecken.

Er kam zur Sattlerei, nahm in Empfang, was er brauchte, wechselte ein paar Worte mit dem Sattler ─ über das ewig gleiche Thema, das sie seit mehr als zehn Jahren beherrschte ─ und ging wieder davon. Auf dem Rückweg verlieβ ihn angesichts der Zerstörungen jeglicher Mut. Die Stille ringsum machte ihn beklommen, er ging, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Unwillkürlich erfüllte seine Erinnerung die Trümmer mit Leben, richtete die abgerissenen Häuser wieder auf, zog Straβenverläufe nach, lieβ Plätze neu erstehen und füllte sie mit Menschen; doch stellte der alte Nelson dabei fest, dass sein Gedächtnis ihm nicht mehr ganz gehorchte. Das ganze Geröll verwirrte ihn. Das Städtchen, das er in Gedanken wieder aufbaute, war nicht dasselbe wie früher. Er führte Familien an falschen Stellen zusammen, verirrte sich zwischen den Haufen von Ziegelsteinen, zerbrochenen Dachbalken, auseinandergerissenen Tür- und Fensterrahmen, verbogenen Balkongittern und Geländern, verwechselte Hausnummern und Reklameschilder: Aus einem Gemischtwarenladen wurde eine Schneiderei, ein Weinkeller zu einem Friseurgeschäft; die Werkstatt eines Korbflechters machte er zu einer Bankfiliale oder stellte die Pressen der alten Ölmühle aus der Steuergasse in das Kleidergeschäft an der Kastellsteige. Beinah schwerer noch als die richtige Plazierung der Gebäude fiel ihm das Einbetten der Geräusche (das Krähen der Hähne, Hufgeklapper, Motorengeräusche von Kohlelastern und Zugmaschinen, das Lärmen der Schiffer an den Kais, das Marktgetümmel, die Denotationen der Sprengungen aus den Zechen), die früher allgegenwärtig gewesen waren und jeden Mittag von der nun seit Monaten schon schweigenden Sirene unterbrochen wurden. Nie wieder würden sie an sein Ohr dringen. Es war diese Abwesenheit, die ihm das ganze Ausmaβ der Katastrophe vor Augen führte, die ohne Vorwarnung über das Städtchen hereingebrochen war.

Die ersten Gerüchte hatten für eine gewisse Unruhe gesorgt ─ erinnerte sich der Alte auf den Trümmergrundstücken der Stadtmauerstraβe ─, doch richtig ernst genommen hatte sie kein Mensch: ein Sommergewitter ohne Folgen. Es gäbe für ein paar Monate Gesprächsstoff ab, genau wie früher schon über Dinge geredet worden war; Gerüchte blühten auf, und dann würde sich der Lärm wieder legen, bis er sich aufs neue erhob. Doch diesmal waren die Voraussagen falsch gewesen. Die Gerüchte hielten sich, die Zeitungen schrieben darüber, die Unruhe wuchs, und zur Bestürzung des ganzen Städtchens setzte mitten im Karnevalstreiben des Jahres 1957 die Invasion ein.

Die Lastwagen voller Fremder kamen über die Straβe von Lérida, die starken Motoren übertönten den Festlärm, und so manches Gesicht erstarrte hinter den Masken. Die Fahrzeuge hielten nicht im Ort; sie fuhren ein paar Kilometer weiter den Ebro aufwärts, den Riberpfad entlang, hinterlieβen jedoch eine Spur der Beunruhigung. Die Masken verliefen sich, und die feuchte Finsternis, die auf einen Tag voll dichter Nebel folgte, an dem das wehmütige Tuten der die Position der Schiffe anzeigenden Muschelhörner unablässig erschollen war, sich vermischt hatte mit dem Geschrei der Möwen jenseits des rauchigen Wassers an den Kais, war die erste jener beklemmenden Nächte, die die Zukunft des Städtchens bestimmen sollten.

Tag für Tag kamen weitere Lastwagen; die Ufermauer bebte, wenn die Kolonnen vorüberfuhren. Die Zeit der Gerüchte war vorbei: Der Lauf des Ebro würde durch zwei gewaltige Talsperren unterbrochen. Eine sollte flussaufwärts kurz hinter dem Städtchen entstehen; die andere flussabwärts in Ribarroja. Diese zweite würde Fayón und das Städtchen unter sich begraben.

Er dachte daran zurück, wie das Unheil begonnen hatte: Menschen und Maschinen drangen ohne Erlaubnis auf die Grundstücke der Leute vor; Landvermesser mit ihren Instrumenten schwärmten im Stadtgebiet aus, maβen Höhen und erstellten Karten; am Ufer des Ebro errichteten Bauarbeiter Holzbaracken aus Fertigteilen, in denen sie unterkamen, während die Bevölkerung sich der brutalen Aggression zu erwehren suchte, die nur den Zweck hatte, Mutlosigkeit hervorzurufen und jeden Widerstand im Keim zu ersticken.

„Elektrizität wollen sie erzeugen!“ rief Joanet del Pla im Café am Kai und brachte damit auf den Punkt, was an jeder Straβenecke erzählt wurde.
„Ja, auf unsere Kosten...“
„Zwei Stauseen.“
„Und wir mitten dazwischen.“
„Schweinerei!“
„Das war gesetzwidrig!“ murmelte der Schiffszimmermann Forques voller Zorn und wiederholte damit das Argument, das von der Bevölkerung in fruchtlosen Beschwerden immer wieder vorgetragen worden war, um das Unheil abzuwenden: Die Arbeiten waren von der Regierung noch nicht genehmigt worden. Und Estanislau Corbera musste ihm in den langen Nächten der Schlaflosigkeit, an der er seit jenem Tage litt, recht geben. Aber sie würden sie niederwalzen, daran war nichts zu ändern. Das Unternehmen, das die Talsperren baute, gehörte dem Staat; denen, die regierten. Und die regierten, daran musste niemand erinnert werden, das waren die, die sich 1936 gegen die Republik erhoben hatten, die Verantwortlichen für den blutigen Krieg... Wer würde es da wagen, von Gesetzlichkeit zu sprechen? Die Marmortheke im Café am Kai war der Wellenbrecher, auf den die Ängste prallten: Sie würden alles enteignen, Ländereien, Zechen, Häuser; sie würden das Städtchen im Wasser versinken lassen... Und gleich darauf die Fragen: Wie sollte es weitergehen? Wo sollten sie hin? Was war zu tun? Doch warum sich sorgen, warum sich fürchten? Hatte der Herr Provinzgouverneur ─ dem das rote Gesindel, das ihm mit seinen ewigen Protesten die Hoden schwellen lieβ ─ nicht wörtlich gesagt, er werde es zusammentreiben und auf Lastwagen nach Norden, in die Bergwerke von Asturien verfrachten? Wie Horaci Planes sagte, der aufgrund seiner Arbeit als Nachtwächter tagsüber an Schlaflosigkeit litt, brauchte man den vornehmen Herrn doch nur noch ein wenig weiter zu piesacken, bis ihm seine hochwohlgeborenen Eier (waren es Tauben-, Wachtel-, Spatzen- oder Amselleier?, fragte man sich) platzten, und die Drohung würde wahrgemacht. Dann wüssten sie wenigstens, was sie erwartete, und sie müssten nicht mehr in Ungewissheit leben, wenn man das noch leben nennen konnte. Unterdessen füllte sich das Städtchen mit Leuten. Die erste Invasionswelle war nicht mehr als eine Vorhut der gewaltigen Lawine, die das Aufnahmevermögen des Städtchens weit überstieg. Nicht einmal jene, die sich an den Ansturm im Revier während des Krieges von 14/18 erinnerten, hatten so eine Menschenschwemme je gesehen. Die Mehrheit war eine mitleiderregende Masse armer Schlucker, die von überallher kamen, um ein paar Peseten zusammenzukratzen und an ihre Familien zu schicken. An der Theke im Café am Kai, wie auch an denen aller anderen Lokale des Städtchens, reihte sich Gesicht an Gesicht und hörte man jede Sprache, die im Land gesprochen wurde. Hinter jeder Tür eröffnete ein Laden, eine Kneipe oder Bar. Zwar floss das Geld ─ knurrte Estanislau Corbera in seiner Schlaflosigkeit vor sich hin ─, aber trotz der wunderbaren Kundschaftsvermehrung war dies ein trügerischer Reichtum, ein kurzlebiger Wohlstand, in dessen Fieberglut bereits die Würmer der Fäulnis wimmelten.

Sie ahnten nicht, dass die meisten von ihnen altern, dass viele mit der beklemmenden Ungewissheit im Herzen sterben würden; sie ahnten nicht, dass dreizehn Jahre eines Kampfes mit ungewissen Ausgang vor ihnen lagen, dreizehn Jahre gefangen in jener Rattenfalle. Estanislau wusste nicht, dass er über Tausende schlafloser Nächte verfügen sollte, um in seinem Gedächtnis die bitteren Stationen des Kreuzwegs zu wälzen und auf die Reihe zu bringen, auf dem das in seiner Wehrhaftigkeit zählebige Städtchen es geschafft hatte ─ angefangen beim Provinzgouverneur ─, die Hodensäcke der gesamten Staatshierarchie anschwellen zu lassen: die eingetrockneten blasser, verstaubter Staatsbeamter; die von Weihwasser aufgeweichten bigotter Kirchenbankpolitiker; die in Alkohol verdunstenden blutrünstiger Schlagetote; den mumifizierten, mit aufgenähtem Hakenkreuz, des von Gott Erwählten, dessen Konterfei auf allen Münzen prangte... Ein langer Weg in die Trostlosigkeit, den der alte Nelson an jenem Nachmittag des Jahres 1971 kreuzte, während er den Seelensteg hinunterging.

Traduit par Willi Zurbrüggen
Jesús Moncada, Die Versinkende Stadt. Frankfurt: Fischer, 1995
Jesús Moncada
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