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El Quadern Gris

Josep Pla
Da die Grippe im Umlauf ist

8. März - Da die Grippe im Umlauf ist, mußte die Universität geschlossen werden. Seitdem wohnen mein Bruder und ich zu Hause, in Palafrugell, bei der Familie. Wir sind zwei Studenten ohne Beschäftigung. Meinen Bruder, der ein begeisterter Fußballer ist - obwohl er sich schon einmal einen Arm und ein Bein gebrochen hat -, sehe ich ausschließlich zu den Mahlzeiten. Er geht seiner Wege. Ich schlage mich so durch. Ich traure Barcelona nicht nach und noch weniger der Universität. Mir gefällt das Leben im Städtchen, mit den Freuden, die ich dort habe.

Beim Mittagessen, als es Nachtisch gibt, tauchen auf dem Tisch eine große Schüssel mit karamelisierter Creme und ein köstlicher, weicher, goldfarbener Biskuit mit einem Hauch Puderzucker auf. Meine Mutter sagt zu mir:

- Du weißt doch, dass du heute einundzwanzig Jahre alt wirdst?

Und in der Tat: es wäre sinnlos, es abzustreiten: heute feiere ich meinen einundzwansigsten Geburtstag. Ich sehe mich in der Runde um. Mein Vater ißt schweigend, in vollkommener Normalität. Meine Mutter scheint nicht so nervös su sein wie gewöhnlich. Da man hierzulande nur die Namenstage feiert, machen mich Biskuit und Creme mißtraurisch. Ich frage mich, ob sie wirklich zubereitet worden sind, um meinen Geburtstag zu begehen, oder ob sie mich nicht eher daran erinneren sollen, dass die Bilanz meiner jungen Jahre voll ung ganz negativ, wirklich mager ist. Diese kleine Manipulation - denke ich - wäre so verständlich! Rätselhafte, nebulöse Kinder zu haben muß sehr unangenem sein. Meine Leichtfertigkeit ist jedoch so groß, dass selbst das durch die Leckerein gestellte Gewissensproblem nicht zu verhindern vermag, dass ich den Biskuit ungemeinn schmackhaft und die Creme in einem Wort erlesen finde. Als ich nachnehme, verstärkt sich die Kühle zusehends. Einundzwanzig Jahre!

Die Familie! Eine merkwürdige und komplizierte Angelegenheit...

Am Nachmittag beginnt es zu regnen - ein feiner, dichter, bedächtiger Regen. Es geht kein Lufthauch. Der Himmel ist grau und hängt tief. Ich höre, wie der Regen auf der Erde undi die Bäume des Garten fällt. Er rauscht dumpf und fern - wie das Meer im Winter. Kalter, eisiger Märzregen. Mit der Heraufkunft des Abends wechselt der Himmel vom Grau zu einem Weiß aus Gaze - fahl, irreal. Über dem Städtchen und seinen Dächern lastet eine dichte Stille, eine Stille, die einem unter die Haut geht. Das Geräuch des fallenden Wassers verwandelt sie in eine vage Musik. Über diesem Singsang sehe ich meine Obsession des Tages schweben: einundzwanzig Jahre!

Den Regen fallen zu sehen lullt mich zuguterletzt ein. Ich müBte selbstverständlich lernen und die Lehrbücher nochmals durchgehen, um den Druck dieser lästigen Anwaltslaufbahn loszuwerden. Es ist nichts zu machen. Wärend ich häufig der Versuchung nicht widerstehen kann, die Papiere zu lesen, die ich auf der Straße finde, so verläßt mich vor dieser Sorte von Büchern die Neugier auf Nimmerwiedersehen.

Ich bescließe, dieses Tagebuch zu beginnen. Ich werde dort - zum Zeitvertrieb und aufs Geratewohl – hineinschreiben, was mir so in den Sinn kommt. Meine Mutter ist eine sehr saubere Hausfrau, die besessen davon ist, das Haus in eiserner Ordnung zu halten. Es macht ihr ein Vergnügen, Papiere zu zerreißen, alten Trödel zu verbrennen, dem Lumpensammler alles zu verkaufen, was für sie keine unmittelbare praktische oder dekorative Nützlichkeit hat. So wäre es ein Wunder, wenn sich diese Paipere vor ihren bewunderungswürdigen hausfraulichen Tugenden retten würden. Jedenfalls glaube ich nicht, dass, wenn sie meiner Mutter zur Opfer fielen, dies unbedingt ein Schaden wäre...

Translated by Eberhard Geisler
Josep Pla, Da die Grippe im Umlauf ist. Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2007
Josep Pla
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