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Testament

Josep M. Benet i Jornet
Testament
Professor    Ja, ich bin krank. Und ich habe ein Geschenk für dich. Warte, kein Geld, keine materielle Unterstützung... Vergessen wir das. Das hätte ich nicht tun sollen, dir das vorschlagen. Also. Ich will es deutlich sagen und kurz, du mußt ja gleich wieder los. Das Problem ist, ich bin krank und werde womöglich nicht mehr die Zeit haben, den Essai neu zu schreiben.

Junge    Und ich bin schuld. Ich habe ihn vernichtet.

Professor    Du irrst. Es ist nichts Irreparables geschehen. Noch nicht. Du hast zwar die Diskette kaputtgekriegt, die ich dir gegeben hatte, und den Computer mit der Festplatte, aber... eine Diskette ist noch da. (Zeigt sie.) Hier.

Junge    Bloß gut. Und ich war so naiv zu glauben, ich könnte dein Werk zerstören... Ein Glück.

Professor    Nun, noch kannst du es. Jetzt ja. Es gibt nur noch diese eine Diskette, ansonsten keine Kopie weiter. Und jetzt mein Vorschlag. Ich nehme an, wir werden uns nicht wiedersehen. Auch wenn ich versuchen werde, ihn davon abzubringen – mein Freund wird dich nicht wieder an die Universität lassen.

Junge    Ich weiß.

Professor    Die Vorlesungen sind zu Ende. Das Seminar zur Literatur des Mittelalters ist ebenfalls vorbei. Ich werde dich vermissen.

Junge    Ich werde Ihre Vorlesungen ebenfalls vermissen.

Professor    Und außerhalb der Universität werden wir uns auch nicht begegnen. Es gibt keinen Grund dazu. Mit Raimundus Lullus ist Schluß. Es ist Schluß mit dem Freunde und dem Geliebten.

Junge    Schade eigentlich.

Professor    Ja, schade... Auch auf die Gefahr hin, daß ich mich wiederhole, es ist das letzte Mal, möchte ich so kühn sein, dir vorzuschlagen, du solltest eines Tages ein Kind haben. Meine Meinung wird dir egal sein, aber ich bleibe dabei. Und dann... zur Sache. Ich will dir ein Geschenk machen. Ein Geschenk, das du nicht ausschlagen kannst. Dieses Geschenk ist auch der Grund, weshalb ich dich bat zu kommen. Die Diskette. Ich schenke sie dir. Ein tolles Geschenk, ich weiß. Mach damit, was du willst.

Junge    Nein, ich nehme es nicht an. Nein.

Professor    Hier hast du.

Junge    Nein! Was soll ich machen damit! Nein!

Professor    Es ist für dich.

Junge    Es ist für deinen Freund, oder weiß ich für wen. Für jemanden, der den Essai und solch Zeug als Buch verlegt! Ich kann nichts damit anfangen, es interessiert mich nicht, ich will diese Verantwortung nicht!

Professor    Mein Wunsch ist, daß du die Diskette an dich nimmst. Nicht mein Freund und kein Verleger. Du. Und daß du damit tust, war du für richtig hältst.

Junge    Ich denke nicht daran! Wie kommst du darauf?

Professor    Sie gehört dir. Diese Hirngespinste von mir, die mir das Wichtigste sind auf der Welt, die du nicht magst und die mein Freund nicht mag, weil darin von Rettung die Rede ist; dieses ganze alberne Zeug lege ich in deine Hände.

Junge    Warum tust du das? Warum? Weil du mich liebst? Liebst du mich so sehr?

Professor    Es ist mein Wunschtraum, daß du mein Sohn bist.

Junge    Ich bin nicht dein Sohn, und du nicht mein Vater! Mein Vater war ein Nervtöter! Ein pathetischer Clown! Väter, Söhne, kannst du an nichts anderes denken? Mein Vater! Mein Vater war eine Null! Eine Null! Er ist gestorben, wie er sterben mußte! Er ist vergessen! Kannst du dich noch an den Müll von gestern erinnern? Ich erinnere mich nicht an meinen Vater!

Professor    Du liebst ihn. Du hast ihn immer geliebt. Sein Tod tut dir weh, und dir tut weh, daß du dich nie an seinen idiotischen Überzeugungen festhalten konntest. Es hat dir wahnsinnig weh getan, daß er gescheitert ist, daß er nicht recht hatte! ... Du hast dich nie an irgend etwas festhalten können. Er glaubte an eine Vorwärtsbewegung, irgendwie. Das ist es, nicht wahr? Ich glaube an viel weniger. (Pause.) Ich liebe dich so, wie du deinen Vater geliebt hast. (Pause.) Die Diskette gehört dir.


Translated by Klaus Laabs
Josep M. Benet i Jornet, Testament. Berlín: Henschel Schauspiel, 1998, p. 52-54.
Josep M. Benet i Jornet
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