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L'hora violeta

Montserrat Roig
Die violette Stunde

10. August 1946

Der Junge folgt mir überall nach, wie ein kleiner Hund. Er hat gelernt, alleine zu essen, und wenn er gegessen hat, setzt er sich auf das Korbstühlchen, das neben dem Klavier steht. Ihm spiele ich die Sonaten von Chopin vor. Er bewegt seinen Körper vor und zurück, sein Körper wiegt sich im Takt der Musik. Ich spiele für ihn. Heute habe ich mehr denn je an Kati gedacht, wie sie zu mir gesagt hat, daß ich etwas Neues schaffen müßte. Ich erinnere mich an den Abend, an dem wir todmüde aus dem Kinderheim kamen. Barcelona stank nach Orangen. Wir setzten uns eine Weile in Tante Patrícias Garten, unter den Zitronenbaum. Mir war ganz mulmig ums Herz, weil ich im Heim einen Jungen gesehen hatte, der kein Geschlechtsteil mehr hatte. Kati meinte, mitten im Krieg und im Dreck ist es doch noch möglich, an die Schönheit zu denken. Und ich habe ihr zornig geantwortet, wie kann ich an die Schönheit denken, nachdem ich diese total verängstigten Kinder gesehen habe, mit ihren blitzenden Augen, ihren kahlgeschorenen Köpfen, nachdem ich diesen Jungen gesehen habe, der kein Geschlechtsteil mehr hatte? Die Schönheit ist nicht die Wahrheit, fügte ich hinzu. Das alles hier wird eines Tages vorbei sein, meinte Kati, wir werden den Krieg gewinnen, du wirst schon sehen, wir führen dann ein anderes Leben. Ihr Optimismus hat sie umgebracht. Wir haben den Krieg nicht gewonnen, und aus der Zeit habe ich meinen Pere, der mir überall auf dem Fuß folgt wie ein kleiner Hund.

 

15. Februar 1947

Ja, Pere hält mich am Leben. Und diese Notizen. Wenn ich schreibe, fühle ich mich so frei wie beim Klavierspielen. Natàlia hat heute zu mir gesagt, für dich gibt’s nur noch Pere, der ist dein einziges Kind. Alle ekeln sich vor ihm. Weil er sabbert und sich ständig vollmacht. Er klammert sich an meinen Rockzipfel, und ich streichle ihn. Und Lluís sagt auch zu mir, warum soll dieses blöde, nichtsnutzige, schmierige Ding mehr wert sein als ich? Sie werden ihn nie verstehen. Heute saß Pere oben auf der Treppe, die in Tante Patrícias Garten führt. Da sitzt er sehr oft. Er wiegte sich vor und zurück, ganz lange. Oben auf der Wendeltreppe, und dabei bewegte er sich, als wäre er ein Schaukelstuhl. Er sang Aaaaaaaaaaah. Dann und wann hielt er inne und blieb mit starr geradeaus gerichteten Augen sitzen, die Augenlider unbeweglich und mit blödem Lächeln. Von hinten hat sich Lluïset herangeschlichen und ihn die Treppe hinunter gestoßen. Er hat ihm einen kleinen Stoß gegeben, nur ein Schubserchen, aber Pere hat das Gleichgewicht verloren und ist runter gefallen, hat sich immer wieder überschlagen, bis er unten lag, und da ist er liegen geblieben, ganz verwickelt in den Gartenschlauch und von oben bis unten voller Kieselsteinchen und Blätter. Er hat geschrien wie am Spieß, und sein Heulen hat mir tief in meinem Innern einen Stich versetzt, sein Uuuuuuuuuuuh! Ich habe ihn von oben liegen sehen, hilflos, in den Gartenschlauch verwickelt, das Gesicht tränen- und rotzverschmiert. Wie verrückt bin ich die Treppe hinuntergerannt und habe ihn ganz fest umarmt. Um ihn zu beruhigen, habe ich ihn gewiegt, hin und her. Er hat eine Weile geschluchzt, es war schwer, ihn zu trösten. Und sein Schreien wurde zu einem leisen Wimmern. Wir waren beide voller Matsch und Blätter. Und Lluís hat mich haßerfüllt angeschaut.

Translated by Volker Glab
Montserrat Roig, Die violette Stunde. ROIG, Montserrat. Die violette Stunde [L’hora violeta]. Traducció de Volker Glab. Moos & Baden-Baden: Elster, 1992, p. 134 – 136.
Montserrat Roig
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Extracts
El cant de la joventut
Català | Français | Italiano | Ivrit
El temps de les cireres
Català | Deutsch | Español
La veu melodiosa
Català | Español | Italiano | Português
L’hora violeta
Català | Deutsch
Ramona, adéu
Català | Español
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