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Pandora im Kongo

Albert Sánchez Piñol

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Die Cravers hatten ihre calvinistische Mentalität in den Tropen entdeckt und begannen bei Tagesanbruch mit der Arbeit. Marcus hatte den Befehl, der Gefangenen das Frühstück zu bringen, soblad William das Zelt verlassen hatte. Wenn erkam, war sie immer barfuß und trug eine weiße Hose und ein weißes Hemd von Willam. Mit einem Handgelenk war sie an einen der Pfähle gekette, die das weiße Zeltdach stützten. So viel Weiß tat in den Augen weh.
Eines Tages überkam ihn Mitleid, und er befreite sie von der Handschelle. Dieses großzügige Tat war eigentlich nicht so riskant, wie es den Anschein hatte. William arbeitete den ganzen Tag. Er verließ die Miene nur, um zu jagen, und kam daher immer erst abends zum Zelt zurück. Was das Mädchen betraf, war Marcus sicher, dass sie sich nciht entfernen würde. Er war überzeigt, dass sie aus der Tiefe kam, und deshalb war der einzige Ort, zu dem sie fliehen konnte, die Mine, und die wurde von huindert Männern bewacht.
„Der Urwald ist riesg, riesig“, erklärte marcus und spreizte die Arme. „Du kannst gehen, wohin du willst, aber komm zurück, bevor es dunkel wird. Hast du verstanden?“
Ihm schien, dass sie einverstanden war. An diesem ersten tag mit begrenzter Freiheit warf er jedoch während des Kochens ein Auge auf sie. Aber das Mädchen ging nicht weit. Für sie war diese Welt neu und daher schritt sie so vorsichtig umher wie jemand, der úber Glas geht. Sie staunte über jeden Grashalm, so als seien die Gräser der Lichtung eine ungeheure Neuheit. Hier und dort legte sie sich hin, strich mit der Hand über die Erde und staunte mit offenem Mund über den natürlichen Teppich. Marcusdachte bei scih: „Na, wenn dir schon das Gras zu Kopf steigt, dann wirst du beim Anblick des Urwalds erst recht einen Baumrausch bekommen.“ Und tatsÇächlich war das Mädchen wenig später spurlos im Urwald verschwunden. Vorsichtshalber ging Marcus ihr nach und fand sie mit beiden Armen um einen Baum geschlungen. Sie presste das Ohr an den Stamm, so al versuchte sie, einen Herzschlag zu finden. Er starrte auf ihre Füße. Mit einem Sprung stnad er neben ihr.
„Komm da weg!“, schrie er und riss sie fort.
Einige Meter entfernt zeigte er auf die schweren Stiefel an seinen Füßen. Sie verstand ihn nicht. Marcus zog sich einen Stiefel aus und hielt ihn ihr vor die Augen.
„Siehst du das?“
Das Mädchen blickte weiter verständnislos auf den Stiefel.
„Die Ameise“, sagte Marcus und zeigte auf einen kleine schwarzen Körper, der an einem Leder hing und wild mit den Beinen strampelte. „Da drüben war alles voll von Ameisen. Die sind zwar sehr klein, können aber eine lebendige Ziege verschlingen“, wobei er auf das Insekt deutete. „Seit zwie Tagen hängt die hier an meinem Stiefel. Wenn du dich ihnen näherst, greifen sie dich an. Pass auf.“
Marcus nahm die Ameise zwischen die Fingerspitzen, zog und riss den Körper ab. Der Kopf blieb im Leder festgebissen hängen.
„Verstehst du jetzt? Sie sind bösartig.“
„Iii“ machte das Mädchen mit einem Ausdruck von Ekel. Es war das erste Mal, dass sie ihren Mund öffnete. Marcus hatte ncoh nie einen Laut von ihr gehört. Dann wandte sie szuerst das Gesicht, schließlich den ganzen Körper ab und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. So saß sie immer, mit den Fersen gegen die Innenflächen der Oberschenkel gepresst. Jetzt kehrte sie Marcus den Rücken zu. Sie war verärgert und zwar gründlich. Marcus kam sich ziemlich albern vor, wie er mit einer toten Ameise zwischen den Fingerspitzen um Entschuldigung bat.
„Das war doch nur eine Ameise...“, stammelte er. „Die hätte dir weh tun können...“
Hierauf verstummte er und kehrte zurück an seine Arbeit.
Für Garvey war die Arbeit ein Mittel, um die Mine, den Kongo, alles ringsum zu vergessen. Während der Arbeit sah und hörte er ncihts mehr. Sie besaßen einen riesigen Tonkessel in Form eines umgedrehten Kreisels. Er war so groß, dass ein halber Büffel hineingepasst hätte. Marcus war beim Kochen nicht zimperlich, aber er quälte die Schwarzen auch nicht. Er füllte den Kessel mit verschiedenen Fleischsorten und Gemüse, einer Handvoll Salz und Pfeffer und kochte das Ganze, wobei er ab und zu mit einem ruderförmigen Holz darin rührte. Der Speisezettel der Cravers sah selbstverständlich ganz anders aus, und vor allem verwendete Marcus handlicheres Geschirr. Seit langem waren die europäischen Zutaten fast aufgebraucht und Marcus musste den Gaumen der Cravers an die Nahrungsmittel des Urwalds gewöhnen. Die Brüder mochten besonders gern frittierte Zwergbananen, sogenannte „Damenfinger“ und „Kinderohren“, runzezlige bohnenförmige Erdnüsse, die gekocht wurden. Die Hauptmahlzeit bestand häufig aus schottischer Leber, so nannten sie die Leber eines Vogels, der dem Fasan sehr ähnlich war, den Richard häufig von der Jagd mitbrachte. (Der Spitzname „schottische Leber“ stammte von William, denn seiner Meinung nach hatte das Vogelvieh eine aufgedunsenere Leber als ein trinkfester Schotte.) Doch eine Stunde nach dem Zwischenfall mit dem Mädchen hörte er erneut ein „ii, ii, ii“. Die Stimme kam aus dem Wald. Marcus rannte sogleich los.

SANCHEZ PIÑOL, Albert. Pandora im Kongo. Frankfurt/Main: Fischer, 2007, p. 152-154.

Traducido por Charlotte Frei
Charlotte Frei
Fragments
Ein Leben lang - Ada Castells
Pandora im Kongo - Albert Sánchez Piñol
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