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Der Roman vom Weißen Ritter Tirant lo Blanc

Joanot Martorell
KAPITEL LXXV

Wie Tirant in Gegenwart des Königs durch eine Jungfrau der Hinterlist bezichtigt wurde

„ ‚O hocherlauchter und vortrefflicher König, ich bin hierher gekommen und vor deine Majestät getreten, um Klage zu erheben gegen einen falschen, verdammungswürdigen Ritter, der sich Tirant der Weiße nennen läßt, dessen Taten jedoch schwarz wie die Nacht sind. Ist er hier, so soll er vortreten, damit ich es ihm ins Gesicht sage, wie er mit ruchloser Hinterlist, trügerischer Wappnung und gemeiner Täuschung zwei Könige und zwei Herzöge vom Leben zum Tod gebracht hat durch seine Schurkenhände, vor einem knappen Monat erst.’
‚Wie, Jungfrau?’ sprach der König. ‚Wie kann das möglich sein, was Ihr behauptet? Fast ein Jahr schon ist Tirant an meinem Hofe, und noch nie habe ich gesehen oder gehört, daß er etwas von dem begangen htte, was Ihr ihm zur Last legt; mir ist nichts bekannt von irgendwelcher Täuschung, schon gar nicht von Hinterlist.’
Einige Verwandte Tirants, die zugegen waren wollten augenblicklich die Beleidigung seiner Ehre sühnen; doch der König gebot ihnen Stillschweigen und erklärte, er lasse es nicht zu, daß irgend jemand sich einmische. Tirant sei ja erreichbar, man solle ihn herbeirufen; denn er, der König, wolle wissen, wie es zu dem angeblichen Betrug gekommen sei.
Sofort eilten sie zu Tirant, um ihm dies zu melden, und entdeckten, daß er noch im Bett lag. Er war noch nicht aufgestanden, denn wegen des großen Blutverlusts, den er erlitten hatte, und wegen der Wunden, die noch nicht recht verheilt waren, erhob er sich nicht schon in aller Herrgottsfrühe; denn er sollte dem Körper noch ein wenig Ruhe gönnen; und aus eben diesem Grund befand er sich zu jener Stunde, da der König üblicherweise zur Messe ging, nicht an dessen Seite. Die Verwandten berichteten ihm, daß eine Jungfrau gekommen sei, die ihn vor dem König und der Königin der Hinterlist beschuldigt habe.
‚Ah! Heilige Maria steh mir bei!“ rief Tirant. „Noch nie in meinem ganzen Leben bin ich auf den Gedanken gekommen, irgendeine Hinterlist zu begehen! Wie kommt diese Jungfrau dazu, mit einem falschen, völlig erlogenen Gerücht im Ohr hier anzureisen und mir ein so widerliches Verbrechen vorzuwerfen?’
Rasch warf er sich ein paar Kleidungsstücke über, ohne alle Nestel ordentlich zu binden, und ließ sich einen Umhang reichen, der über und über mit Perlen besetzt war; denn man hatte ihm gesagt, daß die Jungfrau mit einem Wappenkönig gekommen sei. Und eiligen Schrittes suchte er den Ort auf, wo sich der König befand, der ihn am Tor der Kapelle erwartete. Mit ritterlicher Behrztheit richtete Tirant das Wort an den Herrscher.“

 

 

MARTORELL, Joanot. Der Roman vom Weißen Ritter Tirant lo Blanc. Frankfurt: Fischer, 2007, p. 244-245

Translated by Fritz Vogelgsang
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