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Der Genius Loci für mich persönlich

Josep Pla

Ich sehe mich selbst noch vor mir zu der Zeit, als ich sechzehn oder siebzehn Jahre alt war und wegen der Grippe die Universität schließen musste. Damals habe ich den ganzen Herbst und einen Teil des Winters in Palafrugell verbracht. Nach dem Mittagessen stromerte ich durch die Gegend. Zumeist stieg ich hinauf nach Sant Sebastià, und bei diesen Streifzügen kam meine erbärmliche Berufung zum Schriftsteller zum Vorschein. Ich war noch sehr jung, und alle meine Geistesformen waren die eines Jugendlichen. Ich liebte es zu träumen, zu bewundern und geriet leicht in Verzückung. Der Flug eines Vogels konnte mich erstarren lassen. Und die Betrachtung von Olivenhainen konnte mich derart entrücken, dass ich spürte, wie sich beim Atmen meine Lungenflügel weiteten und wieder zusammenzogen und mein Herz auf unwirkliche, bedrückende Weise hämmerte. Andere Male ließ ich mich allein am Meer nieder, schloss halb die Augen und dachte an seine Ewigkeit. Der erste Bartflaum zeigte sich auf meinem Gesicht, dessen Züge sich noch nicht ausgeprägt hatten. Nicht dass ich hinter den Bäumen Nymphen gesehen hätte. Ich habe nie eine Nymphe gesehen. Nein, ich entdeckte schlicht die Welt außerhalb meines Ichs. Ohne dafür allzu sensibel sein zu müssen, war uns allen damals der Tod gegenwärtig. Die Grippeepidemie forderte viele Opfer, die liebsten Freunde strarben und die Häuser waren voller Kranker. Vielleicht waren sogar alle etwas fiebrig.

Vermutlich war es die Hellsichtigkeit, wie sie zuweilen die Angst vor dem Tod hervorruft, die mich das Wunder erkennen ließ, das ich vor mir hatte. Der Himmel war wolkenlos und das Licht ideal. Mein Blick schweifte über Ruhepunkte, sanfte Wegbiegungen und volle Kurven, die in mir ein schwer fassbares Gefühl von unverwüstlicher Gesundheit und Selbstsicherheit hervorriefen. Die Landstraße nach Sant Sebastià wurde für mich zu einem Vorwand für wunderbare, alltägliche Entdeckungen. Ohne zu wissen, wie mir geschah, hatte ich eines Tages einen Bleistift und ein Heft in der Hand und begann, vor jeden Pinienwald, jedes Stück Feld und jedes Zipfelchen Meer Adjektive zu stellen. Ich versuchte, die Gefühle festzuhalten, die mich beim Anblick des abwechslungsreichen Landes und des vor mir ausgebreiteten blauen Meeres überkamen. Bei jeder dieser Schreibübungen war ich von Überschwang beseelt. Nie werde ich mich jemals wieder so verlieben, nicht einmal in eine Göttin oder eine Melodie, wie ich mich damals in diese Dinge verliebte. In meiner Verblendung glaubte ich, sie mir mühelos aneignen zu können. Ich armer Tor! Manchmal zerriss ich schon nach einer halben niedergeschriebenen Ziele das Papier. Und versuchte es erneut... wieder und wieder. Die Unruhe meines Bemühens –eine Abfolge von scheinbarer Hochstimmung und wirklicher Verzweiflung– füllte miene Nachmittage. Die kindische, lächerliche Liebe zu diesem bitteren Metier hatte von mir bereits Besitz ergriffen.

Ich weiß nicht, ob ich diese Landschaft jemals wieder mit Unschuld jener vergangenen Jahre betrachten kann. Wenn man jahrelang Tag für Tag geschrieben hat, ist die berufliche Prägung so stark, dass es einen fürchterliche Mühe kostet, die Welt nicht nur in Form von Essays zu sehen. Und doch fühle ich nach wie vor die Lebendigkeit jener Landschaft. Während ich den Blick schweifen lasse, vermittelt mir die Ordnung, die zahllose Generationen dort hinterlassen haben, ein Bild von ungezwungener, natürlicher Eleganz. Ich betrachte Boet, nun im Herbst. Es ist das Stück Erde, das mir von allem, was ich bisher gesehen habe, am besten gefällt. Es ist eine ländliche Gegend mit Weinreben und Olivenhainen, die nichts Besonderes an sich hätte, gäbe es dort nicht die sanftesten, zartesten, lebhaftesten und sensibelsten Kurven, die man sich nur vorstellen kann. Die Menschen lesen ihre Trauben und die Weinstöcke werden allmählich trocken und das Weinlaub golden. Die ersten Regenschauer haben das Grün der Luzerne un des Süßklees wieder frisch werden lassen und die Ackerkrumen haben wieder ihre ursprüngliche, kräftige Farbe. Vögel kreisen in Schwärmen über den Feigenbäumen voller Früchte. Lehmgelb ist der vorherrschende Farbton der Weinstöcke hinzufügen, die apfelgrünen Schattierungen der Felder und die sanfte, helle Färbung der alten Olivenbäume. Die Erde ist wie ein Teppich, hell und heiter, eingerahmt von Pinien, eine bunte, ländliche Idylle. Auf jedem Grundstück stehen ein geweißeltes Haus, ein Brunnen und ein Trog für den Sulfatdünger. Es sind an die hundert... Und darüber schwebt zu dieser zarten, verzauberten Nachmittagsstunde wie ein Juwel eine weiße Wolke, die einen rosafarbenen, wandernden Schatten wirft.

PLA, Josep. "Der Genius loci für mich persönlich und in meinem literarischen Werk". A: Subirana, Jaume (ed.), Willkommen in Katalonien, Múnic: DTV, 2007, 49–53.
Traduït per Roger Friedlein
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