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Klassiker des Mittelalters

per Albert Soler
Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert entsteht eine reiche, vielfältige und eigenständige Literaturtradition auf Katalanisch. Der Entstehungsprozess ähnelt dem anderer mittelalterlicher Kulturen und Literaturen in Europa und hat verschiedene Schlüsselmomente aufzuweisen.
Als erstes erreicht das Katalanische den Rang einer Schriftsprache und überwindet damit die untergeordnete Rolle, die es verglichen mit dem Lateinischen innehatte. Diese Phase findet im Laufe des 11. Jahrhunderts statt, an dessen Ende im Bereich des Lehnswesens die ersten auf Katalanisch geschriebenen Texte auftauchen; auch die ersten erhaltenen Werke, die bereits eine gewisse Eigenständigkeit aufweisen, können dieser Phase zugeordnet werden. Es handelt sich hierbei um in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und Anfang des 13. Jahrhunderts entstandene Schriften, insbesondere um die als Homilies d'Organyà bekannte Sammlung von Predigttexten.

In ebendieser Epoche macht sich der katalanische Königshof, der Ländereien auf okzitanischem Territorium besaß, auf Initiative von Alfons I. († 1196) die Tradition der Troubadourdichtung zu Eigen. Von da an und bis mindestens Anfang des 15. Jahrhunderts wird im katalanischen Sprachraum alle hohe Dichtung auf Okzitanisch und im Troubadourstil verfasst. Die Liste der katalanischen Troubadoure ist lang: Hervorzuheben sind unter anderem Guillem de Berguedà († um 1296), Ramon Vidal de Besalú (schon im 13. Jh.) und Cerverí de Girona († um 1285). Die Beziehungen zwischen der katalanischen und der okzitanischen Kultur waren ganze Mittelalter hindurch sehr eng und intensiv.

Gleichzeitig kommt es im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts zu einer Multiplikation der Textproduktion, zu einer Differenzierung der behandelten Themen und der Gattungsformen, und die geschriebenen Werke gewinnen deutlich an Länge und Komplexität. Das ist der wahre Beginn der katalanischen Literaturtradition, der mit verschiedenen kulturellen und politischen Ereignissen zusammenfällt, die dieser Entwicklung zugute kommen.

Da wären einerseits die politischen Veränderungen zu nennen, die das Königreich Aragonien erstmals in einem zentralen Punkt des internationalen Geschehens situieren und es vor allem dank der Herrschaften Jakobs I. († 1276) und seiner Nachfolger – Peter II., Alfons II., Jakob II. – in ein auf den mediterranen Raum ausgerichtetes Königreich verwandeln. Das Verfassen historiografischer Texte, in denen bedeutende literarische Ausdrucksmittel verwendet werden, ist für die Erarbeitung einer neuen königlichen und nationalen Idee unerlässlich: es handelt sich dabei um das Llibre dels fets [Buch der Taten] von Jakob I. selbst (gegen Ende seiner Herrschaft verfasst), das Llibre del rei en Pere [Buch des Königs Peter] von Bernat Desclot (in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts geschrieben), die Chronik (1325-1327) von Ramon Muntaner (1265-1336) und später die Chronik von Peter III. dem Großen (1319-1987). Der essenziell literarische Charakter dieser historiografischen Werke wird dadurch deutlich, dass sie als Ansporn und narrativer Grundstein für die großen katalanischen Romane des 15. Jahrhunderts – Tirant lo Blanc [dt. Der Roman vom weißen Ritter Tirant lo Blanc] und Curial e Güelfa – wirkten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Wille der Nichtgeistlichen aller Stände, sich Zugang zu einem Wissen zu verschaffen, das bisher nur den Geistlichen vorbehalten war: Theologie, Philosophie, Medizin, Recht; eine klerikale Kultur, die sich fast ausschließlich in lateinischer Sprache ausgedrückt hatte und durch die von der Kirche kontrollierten Lehranstalten überwacht wurde. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts werden sich die Bewohner aufstrebender, in demografischem und wirtschaftlichem Wachstum begriffener Städte bewusst, wie wichtig es ist, dieses Wissen zu erlangen und einzusetzen. Damit beginnt ein unaufhaltbarer Prozess der Verbreitung des klerikalen Wissens und der Übersetzung der Hauptwerke dieser Wissenschaften in die Volkssprache; dieses Phänomen tritt auf Katalanisch überraschend früh auf. Neben dem intellektuellen Interesse wächst unter den Nichtgeistlichen auch das Bedürfnis, mehr Protagonismus und Eigenständigkeit in ihrem eigenen spirituellen Leben zu erlangen.

Die Kombination spiritueller und intellektueller Unruhe führte zu Phänomenen wie dem vielseitigen Ramon Llull († 1316), einem weltlichen Autor von etwa 265 auf Katalanisch, Latein und/oder Arabisch verfassten Werken, der sowohl Romane ( Llibre d'Evast e Blanquerna ), als auch Enzyklopädien, philosophische (die verschiedenen Versionen seiner Kunst) und theologische Werke, wissenschaftliche Schriften und Gedichte verfasste, in denen immer ein missionarischer und apologetischer Wille erkennbar ist. Oder der anerkannte Arzt und spirituelle Aktivist Arnau de Vilanova († 1311). Oder zwei Geistliche, die sich mit Gewissenhaftigkeit und Erfolg der Verbreitung religiöser Texte widmen: Bruder Francesc Eiximenis († 1409), Autor von Lo crestià [Der Christ], einer umfassenden (unvollendeten) Enzyklopädie auf Katalanisch, die alles enthält, was ein Gläubiger mit guter Bildung wissen muss, und der heilige Vicent Ferrer († 1419), ein unersättlicher Prediger, von dem etliche Predigtsammlungen erhalten sind, die von seiner Rednergabe zeugen.

In der Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts setzt die massive Verbreitung klassischer literarischer Texte in der katalanischen Kultur ein. Erstmals zirkulieren die Werke der großen lateinischen Autoren auch außerhalb des beschränkten Schulbereichs; sie werden gelesen, übersetzt, lösen Bewunderung oder Rückhalte aus und lassen niemanden gleichgültig: die volkssprachliche Literatur muss fortan in Beziehung und im Gegensatz zur lateinischen definiert werden.

Bernat Metge († 1413) und Joan Roís de Corella (1435-1497) sind paradigmatische Beispiele dieses stilistischen und inhaltlichen Einflusses. Metge schafft mit El somni [Der Traum] vor dem Hintergrund skandalöser politischer Geschehnisse ein äußerst originelles, schwer interpretierbares Werk, das mit zahlreichen klassischen und romanischen Quellen im Dialog steht. Corella liefert eine Version der klassischen, für die christliche Moral immer sehr gefährlichen Mythen Ovids, die einerseits die Schaffung eines hohen rhetorischen Stils auf Katalanisch bedeuten und andererseits paradoxerweise moralische Lektionen darstellen.

Ausiàs March (1400-1459) klagt wie kein Dichter vor ihm das Gewicht und den Einfluss der weisen, klassischen und christlichen Kultur an und schreibt in einer in der Troubadourlyrik begründeten poetischen Tradition, die sich in einem höfischen Umfeld entwickelt hatte und einen vor allem einen spielerischen Charakter aufwies. March stellt den Höhepunkt eines progressiven Intellektualisierungsprozesses dar, der der amourösen und dichterischen Erfahrung eine ernsthafte und transzendentale Dimension geben will und der in geringerem Maße auch andere Dichter (nicht mehr Troubadoure) betraf, wie etwa seine Verwandten Jaume († 1410) und Pere March († 1413) oder Jordi de Sant Jordi († 1424).

Die Literatur der katalanischen Autoren des späten Mittelalters ist vor allem eine Reflexion darüber, was die in der Volkssprache verfasste Literatur sein soll und welchen Platz sie im Vergleich zu den akademischen Wissenschaften und zur „allanerkannten“ lateinischen Literatur im Kultursystem der Epoche einnehmen soll. Alle Autoren entwickeln mit ihren Werken eine persönliche und einzigartige Poetik, eine Literaturtheorie; alle leisten einen wichtigen, gewagten Beitrag zum langen Prozess der Definition des Status der volkssprachlichen Literatur, der in der westlichen Kultur stattfindet: zwischen der Faszination für die Klassiker und der von einigen Geistlichen vorgeschlagenen absoluten Verdammnis der Fiktion.

Die zwei Hauptromane der katalanischen Literatur des Mittelalters, Tirant lo Blanc und Curial e Güelfa, stellen zwei unterschiedliche und geniale Lösungen dieser Herausforderung dar. Joanot Martorell (1410-1465) will mit seinem Tirant einen totalen Roman schaffen, der alle möglichen Informationen und anerkannten Quellen beinhaltet. Der anonyme Autor des in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verfassten Curial hingegen setzt auf narrative Beherrschung und gemäßigte Unterhaltung. Beide sind in der romanischen Romantradition verwurzelt und gehen vom Erzählmodell der katalanischen Geschichtsschreibung aus; zugleich weisen beide die Verwendung klassischer Quellen, die schon erwähnte intellektuelle Unruhe und einen speziellen Einfluss der zeitgenössischen italienischen Literatur auf.

Vor allem dank der weiten Verbreitung der Texte gelangte die katalanische Literatur des 14. und 15. Jahrhunderts zu einer hervorragenden Reife, die sich in ihrem Selbstbezug bemerkbar macht. Jaume Roig ( † 1478) verfasst ein äußerst originelles und langes, in viersilbigen Versen verfasstes Erzählwerk, Espill [Spiegel] (1460-1462), das zugleich die Verarbeitung früherer literarischer Materialien und die Herausforderung der vorhergehenden Tradition ist. Endlich wird die Literatur kopiert und wiedererfunden und das Schreiben ist für die Autoren im Grunde die Wiederentdeckung dessen, was bereits andere vor ihnen geschrieben haben.

Traduït per Cornelia Eisner

Isabel Banal: Llapis trobats, sèrie iniciada el 1999.

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